Offener Brief an den künftigen Bundespräsidenten Gauck

Lieber Herr Gauck,

es heißt, die aus dem Osten mögen Sie weniger als die aus dem Westen (Umfrage der Ostsee Zeitung: 60 Prozent wollen nicht, dass Sie Ehrenbürger der Stadt Rostock werden. Umfrage des Berliner Tagesspiegel: 58 Prozent wollen nicht, dass Sie Bundespräsident werden.) Davon lasse ich mich nicht leiten. Auch wenn Sie in Rostock geboren sind und dort als Pfarrer gewirkt haben. Auch wenn Sie in Berlin Ihr zweites zu Hause haben und hier Leiter der Gauck-Behörde waren.
Unsere Biographien haben merkwürdige Überschneidungen und wenn sich unsere Wege kreuzten, veränderte dies jedes Mal mein Leben.
Ihr Vater kam 1955 aus dem sibirischen Gulag zurück, was zu Ihrer späteren antikommunistischen Grundhaltung geführt haben soll. Mein Großvater kam ebenfalls 1955 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück, was mir bis 1990 verschwiegen wurde.  Als Sie 1958 Ihr Studium der Theologie beginnen, werde ich in ein sozialistisches Elternhaus zweier Journalisten hineingeboren. Während ich in den 80er Jahren Journalistik studieren durfte, sind Sie bereits Leiter der Kirchentagsarbeit in Mecklenburg. Es heißt, Sie sind ein Mann der Kirche geworden aus Protest gegen das System. Ich bin Journalist geworden, weil ich das System ändern wollte.
Wir haben uns das erste Mal getroffen Anfang Dezember 1989 in Kaverlsdorf vor den Toren Rostocks. Egon Krenz war zwei Tage zuvor zurückgetreten und der DDR-Devisenbeschaffer Schalk-Golodkowski einen Tag zuvor in den Westen geflüchtet. Sie der Pfarrer, der auf das Koko-Waffenlager der IMES GmbH aufmerksam machte. Ich der Reporter vom Jugendradio DT 64, der Sie interviewen wollte. Dieser Tag hat mein Leben dahingehend verändert, dass ich fortan als Journalist für die Themen KoKo und Stasi verantwortlich war, ich DDR Gefängnisse in Burg Hoheneck und Bautzen besuchte sowie den Runden Tisch und die Stasi-Auflösung begleitete. Eher durch Zufall erfuhr ich dabei vom Schicksal meines Großvaters.
Die zweite Begegnung hatte ich dann nur mit Ihrem Namen im Jahr 1990/91. Alle DDR Journalisten wurden „gegauckt“, sprich auf ihre Stasi-Verbindung überprüft. Ich fand das anfangs richtig. Erst durch die Art der Überprüfung, den Generalverdacht gegen alle Ostdeutschen und die geschürte Angst wurde mir klar, dass es um etwas anderes ging. Wir sollten wieder in die Reihe treten, uns ducken. Bei DT64 wurde kein einziger IM oder OIBE durch das „Gaucken“ enttarnt, aber ein neuer,  freier Journalismus mit Redakteursräten und frei gewählten Redaktionsleitungen wurde in diesem aufbegehrenden und dann untergehenden Land erstickt. Für mich waren die spannendsten Jahre als Journalist vorbei. Erst Jahre später und bis zum heutigen Tag wurden häppchenweise immer wieder MfSler in den Redakteursstuben enttarnt.
Den letzten Kontakt hatten wir dann im Sommer 1991, als ich Sie zu einem Thema interviewte, dass Ihnen schon damals nicht so recht gefallen hat. Ich habe Sie in der „Gauck-Behörde“ gefragt, warum Sie Köchinnen, Hausmeistern und Kraftfahrern, die beim MFS angestellt waren, das Stigma des „Bösen“ auf die Stirn gebrannt haben, aber hochrangige Stasi-Offiziere weiterhin die Hoheit über die Akten hatten, keiner der IMES Verantwortlichen in Kavelsdorf (dort waren Sie Pfarrer) für den DDR-Waffenexport via westlicher Unterstützer in die Krisengebiete der dritten Welt rechtmäßig verurteilt wurde. Und Ich habe Sie gefragt, warum wir nicht gemeinsam den Sumpf zwischen ostdeutschen und westdeutschen Geheimdiensten auf dem Gebiet des von Schalck-Golodkowski geleiteten Embargo-Handels aufklären wollen. Ob sie den „Warnemünder Kreis“ kennen, zu dem neben Stasi-Leuten auch der später „verstorbene“ (ermordete??) Uwe Barschel gehörte? Darauf hatten Sie keine Antworten. Ich solle mich doch eher um die Opfer kümmern. Ich wollte aber auf die noch intakten Täterstrukturen in Ost und West aufmerksam machen. Aber die Politik war längst zur Tagesordnung übergegangen: Treuhand, Privatisierung, ABM-Maßnahmen. Ich habe dann nur noch selten Ihren Namen in den Medien gefunden – z.B. im November 2006, als die Welt berichtete, dass noch immer 50 MfSler in der inzwischen nach der neuen Leiterin Marianne Birthler benannten Stasi-Unterlagen-Behörde arbeiten.
Vor wenigen Tagen nun hat WikiLeaks das geheime Gutachten über die Beschäftigung ehemaliger MfS Angehöriger bei der BStU (Gauck-Behörde) für die Bundesregierung aus dem Jahre 2007 veröffentlicht. Das Dokument liest sich wie ein Agententhriller und es belastet Sie sowie Ihren alten und wohl künftigen Sprecher derart, dass ich im Nachhinein verstehe, warum die „unideologische Politikpragmatikerin“ (Spiegel) Angela Merkel Sie anfangs nicht als neuen Bundespräsidenten haben wollte. Das geheime Dokument zeigt, dass unter Ihrer Verantwortung Stasi-Leute und DDR-Systemgetreue in der BStU das Sagen hatten, während die DDR-Bürgerrechtler der ersten Stunde systematisch hinausgedrängt wurden.
Herr Gauck, Sie selbst nennen sich einen „linken, liberalen Konservativen“, einstige Weggefährten machen Ihnen die Bezeichnung „Dissident und Bürgerrechtler“ streitig und die Medien feiern Sie schon als den „Bundespräsidenten der Herzen“. Da ich zutiefst glaube, dass sich Menschen weiterentwickeln, sie bisher Unbewusstes (das Schicksal Ihres Vaters) integrieren und den alten Dualismus des „Entweder/Oder“ in ein „Sowohl-Als-Auch“ wandeln können, lade ich Sie ein, mit Herz und Verstand ein Präsident für alle Menschen in diesem Land zu sein- egal welcher Konfession, ganz gleich welchem Migrationshintergrund und unabhängig von ihrer politischen Einstellung. Ich wünsche Ihnen, dass Sie mutiger sind als Herr Sarrazin und nicht Gräben aufreißen, sondern sie schließen. Und dass Sie begreifen, dass die Proteste gegen den Finanzkapitalismus nicht albern, sondern genauso wichtig wie Ihre damaligen Proteste vor dem Waffenlager in Kavelsdorf sind. Und dass Sie erkennen, dass die Begriffe Freiheit und Gleichheit einander bedingen. Und dass Sie nachempfinden, dass Einwanderer, Arbeitslose und Hartz IV Empfänger, die jeden Tag um das Überleben kämpfen, genauso Ihrer Fürsprache bedürfen wie der Rest der Bevölkerung.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie ein Lernender sind und Ihr Amt nicht nur inne haben, sondern es ausfüllen, um etwas zu ändern.
Ihr Lutz Deckwerth

 

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