Der „Trickster“ erobert die gesellschaftlichen Leitfiguren

(Das neue Jahr aus integraler Sicht)

Das neue Jahr beginnt, wie das alte endete. Die Schlagzeilen und Kommentare tragen nur andere Namen, aber es geht um das gleiche Phänomen. Gesellschaftliche Leitfiguren stürzen sich selbst oder werden vom Thron gestoßen und hoffen dennoch auf die zweite Chance. So scheint es jedenfalls auf den ersten Blick.

Das, was wir aber wirklich sehen, ist eine psychologische Ur-Natur, die nach dem Rumpelstilzchen Motto handelt: Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich „Trickster“ heiß. Und das bezieht sich nicht nur auf die gesellschaftlichen Leitfiguren selbst, sondern auf ihre unmittelbare Umgebung, auf die Medien, auch auf Dich und mich.

Betrachtet man das Ganze aus integraler Sicht, so vollzieht sich hier ein notwendiger und bereits 1954 durch den Psychologen C. G. Jung angekündigter Entwicklungsschritt des menschlichen Bewusstseins. Jung nennt das den Tricksterzyklus. In seinen Ausführungen zur „Psychologie der Tricksterfigur“ schreibt Jung: „Der Trickster ist ein „kosmisches“ Urwesen göttlich-tierischer Natur, dem Menschen einerseits überlegen vermöge seiner übermenschlichen Eigenschaften, andererseits unterlegen vermöge seiner Unvernunft und Unbewußtheit. Auch dem Tiere ist er nicht gewachsen, wegen seiner bemerkenswerten Instinktlosigkeit und Ungeschicktheit. Diese Defekte kennzeichnen seine menschliche Natur, welche den Umweltbedingungen schlechter angepaßt ist als ein Tier, dafür aber die Anwartschaft auf eine viel höhere Bewußtseinsentwicklung, das heißt eine beträchtliche Lernbegierigkeit besitzt, welche auch durch den Mythos gebührend hervorgehoben wird.“ (C. G. Jung: Archetypen, S. 168. 16. Auflage. DTV Verlag. 2010 ISBN 978-3-423-35175-1)

Um die Verbindung vom Trickster zu den gesellschaftlichen Leitfiguren, deren unmittelbarer Umgebung oder zu den Medien und zu uns SELBST besser verstehen zu können, bedarf es einiger kurzer Vorbemerkungen.

Nach C. G. Jung ist das menschliche Bewusstsein durch das sogenannte Ich-Bewusstsein (das bewusst Erfahrene) und durch das persönliche und kollektive Unbewusste gekennzeichnet. Das persönliche Unbewusste sind Inhalte, die ehemals bewusst waren und im weiteren Leben als Vergessenes oder Verdrängtes nachträglich aus dem Ich-Bewusstsein ausgeschlossen wurden. Jung nennt dieses persönliche Unbewusste den Schatten, der In irgendeiner Form mitleben will. (C. G. Jung: Archetypen, S. 23. 16. Auflage. DTV Verlag. 2010 ISBN 978-3-423-35175-1)

Das kollektive Unbewusste besteht aus ererbten Grundlagen der Menschheitsgeschichte, die sich in sogenannten Archetypen manifestieren und die als handelnde Personen in allen Mythen und Märchen auftreten. (ebenda S. 40)

Die wichtigsten Archetypen, die Jung herausgearbeitet hat sind

Anima/Animus
Der alte Weise
Die große Mutter
Die Syzygie (Götterpaar)
Das göttliche Kind
Der Seelenführer
Der Trickster

 

Es gibt so viele Archetypen, als es typische Situationen im Leben gibt. Wenn sich im Leben etwas ereignet, was einem Archetypus entspricht, wird dieser aktiviert, und es tritt eine Zwanghaftigkeit auf, die, wie eine Instinktreaktion, sich wider Vernunft und Willen durchsetzt oder einen Konflikt hervorruft, der bis zum Pathologischen, das heißt zur Neurose, anwächst. (ebenda S.51)

Aus gegebenem Anlass möchte ich hier nur auf den Archetypen des Trickster eingehen. Bei Wikipedia findet sich die allgemeine Beschreibung: „Trickster bezeichnet im Englischen einen Gauner und Schwindler. Im Deutschen wird unter Trickster ein Schelm, auch Halunke oder Bauernfänger verstanden. Generell ist ein Trickster eine Person, die mit Tricks arbeitet.“

Der Trickster ist weder gut noch böse. Er betrügt andere und wird betrogen. Dem Listenreichtum steht seine Tölpelhaftigkeit gegenüber. Für ihn gelten moralische und soziale Werte nicht. Der Trickster ist ein zwanghafter Grenzüberschreiter (William J. Hynes).

C. G. Jung hat in seinen Schriften über die „Archetypen“ nachgewiesen, dass es den Trickster zu allen Zeiten gegeben hat, auf allen Kontinenten, in allen Kulturen. Er taucht in den Geschichten der Urvölker (Schamane, Medizinmann) auf, genauso wie in der Mythologie der lateinamerikanischen Taino-Indianer (Guahayona) und der alten Griechen (Mercurius, Hermes) oder den asiatischen Märchen (Derwisch, Nasreddin). In Europa kennen wir ihn als den mittelalterlichen Gaukler, als Hanswurst im Kasperle-Theater oder als Clown im Zirkus.

Wie zeigt sich der Trickster in einer hochzivilisierten Welt? 

  1. Trick – Hat er das oberste Treppchen des Systems erklommen und sich als Trickster entgegen dem Rumpelstielzen – Prinzip enttarn, versucht er mit allen möglichen Tricks seine Existenz zu leugnen.
  2. Trick – Die vermeintlichen Gegenspieler des Trickster schweigen erst, um dann seinen Rücktritt zu fordern und vergessen, dass sie selbst  diesen Trickster noch oben befördert haben.
  3. Trick – Die 4. Gewalt im Staate, die Medien vergessen, das auch in ihren Reihen der Trickster die Schaltstellen erklommen hat und selbst alle Tricks nutzt, um davon abzulenken.
  4. Trick – das Volk schimpft auf den obersten Trickster nach dem altbewährten Motto „Ich bin es nicht gewesen, der Trickster war es!“ und vergisst, dass es diesen Trickster durch seine eigenen Tricks genährt hat.

Diese Tricks sind eigentlich für jeden bewussten Menschen klar ersichtlich, und dennoch will es keiner wahrhaben. Wir werden diese und unsere eigenen Tricks erst erfahren, wenn wir sie uns bewusst gemacht und am eigenen Leib gelebt und erlebt haben. Und erst so werden wir verstehen, dass wir alle Trickster sind.

Nach C. G. Jung ist der Trickster eine archetypische psychische Struktur höchsten Alters. Er ist Teil des persönlichen und kollektiven Unbewussten. „Es ist ein getreues Abbild eines noch in jeder Hinsicht undifferenzierten menschlichen Bewusstseins, welches einer der tierischen Ebene noch kaum entwachsenen Psyche entspricht.“ (C. G. Jung: Archetypen, S. 164. 16. Auflage. DTV Verlag. 2010 ISBN 978-3-423-35175-1)

Das heißt übersetzt: In jedem von uns steckt mehr oder weniger ein Trickster. Und je mehr wir den Trickser aus unserem Bewusstsein abgespalten haben, desto mehr wirkt er im Unbewussten. So haben bedeutende Religionen den Trickster auf die Figur des Teufels/Mephisto (Christentum), Iblis (Islam) oder Mara (Buddhismus) übertragen und ihn als etwas außerhalb von uns dargestellt. Der Mephisto in Goethes Faust, „die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ ist die christlich-teuflische Variante des göttlichen Tricksters. (Borchmeyer: Faust – Goethes verkappte Komödie, S.7).

Von allen Geistern die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu, 

(Goethes Faust, Vs. 338-343)

Eine kollektive Personifikation wie der Trickster, schreibt C. G. Jung weiter, geht aus der Summierung vieler großer oder kleiner Trickster hervor und wird vom Einzelnen als bekannt begrüßt und, wie in den aktuellen Fällen des letzten und des neuen Jahres geschehen, mit einer zweiten Chance versehen. Jeder von uns macht mit seinen kleinen, täglichen Tricks (Insidergeschäfte, Korruption, Vorteilsnahme im Amt, Steuererklärung, Schwarzarbeit, Sozialhilfebetrug u.a.) den großen Trickser erst möglich. Und je mehr wir das im täglichen Medienrummel verdrängen, um so stärker kann es wirken. Denn im Unbewussten wird nichts korrigiert.

Wo ist der Weg aus diesem Trickster Chaos?

Der Trickster versetzt die Welt in Chaos, verfügt aber auch selbst über große schöpferische Kraft, welche Gutes wie Böses bewirken kann und die Welt in Bewegung versetzt. (Univ. Doz. Dr. Elke Mader, Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie)

Und  C. G. Jung stellt uns schon 1954 einen Entwicklungsweg in Aussicht: Der Trickster wird den Wandel einleiten. „Die Kennzeichen der tiefsten Unbewußtheit wenigstens fallen von ihm ab: statt brutal, grausam, dumm und sinnlos zu handeln, fängt der Trickster gegen den Schluß des Zyklus an, Nützliches und Sinnreiches zu tun. Damit verrät sich schon innerhalb des Mythos die Entwertung der früheren Unbewußtheit. Man fragt sich allerdings, was nunmehr mit den übeln Eigenschaften des Tricksters geschieht. Der naive Betrachter nimmt wohl an, daß, wenn die dunkeln Aspekte verschwinden, sie auch wirklich nicht mehr da sind. Das ist aber erfahrungsgemäß nicht der Fall. Was wirklich geschieht, ist, daß das Bewußtsein sich von der Faszination des Übels befreien kann und nicht mehr genötigt ist, es zwanghaft mitzuleben, aber das Dunkle und Böse ist nicht in Rauch aufgegangen, sondern hat sich infolge Energieverlust ins Unbewußte zurückgezogen, wo es unbewußt verweilt, solange im Bewußtsein alles wohlsteht. Wenn aber das Bewußtsein durch kritische und zweifelhafte Situationen erschüttert ist, dann zeigt es sich, daß der Schatten keineswegs in Nichts aufgelöst ist, sondern nur auf eine günstige Gelegenheit wartet, um wenigstens als Projektion auf den Nachbarn zu erscheinen. Gelingt ihm dieser Streich, dann entsteht zwischen dem einen und dem anderen wieder jene primitive Dunkelwelt, in welcher all das – auch auf höchster Zivilisationsstufe – geschehen kann, wofür die Figur des Tricksters charakteristisch ist. Die Vulgärsprache nennt dies treffend und wörtlich genommen ein »Affentheater«, auf dessen Szene alles schiefgeht oder verdummt wird, was die leiseste Möglichkeit dazu bietet, und nur ausnahmsweise oder im letzten Moment etwas Intelligentes passiert. Die Politik liefert hierfür wohl die besten Beispiele.“ (C. G. Jung: Archetypen, S. 170. 16. Auflage. DTV Verlag. 2010 ISBN 978-3-423-35175-1)

Das hat der Begründer der analytischen Psychologie C. G. Jung schon 1954 geschrieben, also vor fast 60 Jahren. Jungs Fazit ist damals wie heute aktuell: Erst wenn wir uns unser persönlich Unbewusstes, unseren Schatten, der immer mitlebt, bewusst machen und aufhören mit den eigenen, kleinen Tricks, erst dann wird das kollektive Unbewusste in Form des Trickster Archetyps nicht mehr mit Energie versorgt. So lange sich aber Menschen zu Massen aufhäufen, der Einzelne untergeht, wird dieser Schatten mobilisiert und auch personifiziert. Dann wird der Einzelne weiterhin sein Heil vom Staate erwarten und die Gesellschaft für seine Unzulänglichkeit verantwortlich machen.

Mit integralen Grüßen für das neue Jahr

Ihr Lutz Deckwerth


 

2 Comments

  1. Karl Feldkamp 01/13/2012, 15:09 Antworten

    Interessanter Beitrag über eine Spezies, die im politischen Umfeld ungewöhnlich weit verbreitet zu sein scheint.
    Gern weise ich auf diesen Beitrag hin.
    Gruß
    Karl

  2. Sylvia S. 07/05/2012, 11:05 Antworten

    Der Beitrag ist echt super, vor allem die Passage in der dieser „Trickster“ genauer erklärt wird ist hochinformativ und einfach wahr. Allerdings sind diese Trickster nicht nur im politischen Feld zu finden, sondern auch überall sonst. Clevere und gute Menschen können gute Führungspersonen sein. Setzt man einen unkalibrierten und sehr unglücklichen Menschen an diese Stelle, richtet er nur schaden an. Deshalb ist es gut, dass die Trickster diese Welt erobern.

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